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At The Drive-In: In/Casino/Out CD (Fearless Rec.)

In/Casino/Out Die riesigen, in den den Himmel gerichteten Satellitenschüsseln auf dem Cover symbolisieren sie schon, die Abgehobenheit von AT THE DRIVE-IN. Was die fünf Texaner auf ihrem zweiten Album "In/Casino/Out" aus dem Ärmel schütteln, hat mit dem Mainstream ungefähr so viel zu tun wie Bill Clinton mit Impotenz. Man stelle sich eine spritzige Mischung aus so innovativen US-Undergroundbands wie SONIC YOUTH, FUGAZI und AVAIL vor - das filigrane, unberechenbare Gitarrenspiel der New Yorker, die ungewöhnliche, von herkömmlichen Rockschemata losgelöste Rhythmik der Washington D.C.-Legende FUGAZI, und die überschwenglichen Gefühlsausbrüche von Emocore-Bands wie AVAIL. Eine musikalische Achterbahnfahrt durch ruhige, minimalistische Passagen und krachige, aufwühlende Kurven, in denen man leicht die Orientierung verliert. Dynamik entsteht durch das Wechselspiel von laut und leise, sanft und kratzbürstig, das wissen wir spätestens seit RAGE AGAINST THE MACHINE. AT THE DRIVE-IN haben dieses Prinzip schon lange verinnerlicht, ohne dabei das Gespür für die Melodieführung zu verlieren, wie man an “Hourglass”, einem wunderschönen, mit Klavier untermalten Track am besten nachvollziehen kann. Nennen wir das Kind ruhig beim Namen: Das ist Emocore der absoluten Spitzenklasse! In/Casino/Out ist ein mit kryptischen Texten versehener Wespenstich in den Hintern, der Lust auf ein ganzes Wespennest macht. Aber zum Glück gibt es ja da - als weniger schmerzhafte Alternative - auch noch die Repeat-Taste ... Nachtrag: Gerade eben ist mir noch mit "Vaya" die neue MCD von AT THE DRIVE-IN in die Hände gefallen. Die sieben neuen Stücke sind mindestens genauso genial wie die auf "In/Casino/Out", wobei sich speziell "198d" als absoluter Überhammer entpuppt. Eine ganz große Band! OÄ (38:42) ******



The Bouncing Souls: Hopeless Romantic CD (Epitaph/Connected)

Hoffnungslos romantisch sind sie also, die vier New Yorker, die seit 1987 zusammen ihr Unwesen treiben. In ihren romantischen Anwandlungen träumen sie gerne von den 80er Jahren, Fußball und BMX-Rädern. Und vor allem auch vom guten, alten Punkrock, angereichert mit mitgröhlkompatiblen Refrains und poppigen Melodien. Nichts anderes erwartet einen auch auf dem insgesamt vierten Album der BOUNCING SOULS, das nach dem selbstbetitelten 97er Debüt für Epitaph gerade rechtzeitig kommt. Die größten Hits (wie "Fight To Live" oder "Bullying The Jukebox") der Platte bewegen sich dabei eher im Midtempo-Bereich, was aber nicht heißen soll, daß die schnelleren Stücke wie z.B. der Titeltrack weniger gut sind. Alles wirkt sehr locker und unverkrampft aus dem Ärmel geschüttelt. Klar, musikalische Innovationen sucht man auf "Hopeless Romantic" natürlich vergeblich, aber unter dem Strich bleibt dennoch ein überdurchschnittliches und unkompliziertes Punkrock-Album, das sich lieber ironisch mit Beziehungsproblemchen und Alltagssorgen als mit dem Weltfrieden auseinandersetzt. Nette Scheibe. OÄ (40:00) ****



...But Alive: Hallo Endorphin (B.A. Rec./Indigo)

Hallo Endorphin "Über Musik schreiben ist wie zu Architektur tanzen" - angesichts dieser schönen Textzeile kann man als Schreiberling eigentlich gleich wieder einpacken. Aber den Gefallen werde ich den vier Hamburgern nicht tun, schließlich gibt es über das vierte ...BUT ALIVE-Album einiges zu sagen. Außer den gewohnt intelligenten und zynischen Texten hat sich nämlich v.a. in musikalischer Hinsicht einiges im Hause ...BUT ALIVE geändert. Denn mit "Hallo Endorphin" verabschieden sie sich vorsichtig, aber dennoch bestimmt vom Punkrock. Wir erinnern uns: Mit unpolitischen Bierzelt-Punks und politisch korrekten Szene-Katholiken konnten sie ja noch nie etwas anfangen. Diese Einstellung wird nun auch in musikalischer Hinsicht deutlicher als je zuvor - klassische, schnelle Punkrock-Songs sucht man auf dem neuen Album vergeblich. Statt dessen nähert sich das Quartett aus dem hohen Norden ungezwungen der Popmusik an, wobei die Jungs auch nicht vor dem Gebrauch von dezenten Keyboards und Bläsern zurückschrecken. Wer aber nun enttäuscht glaubt, es mittlerweile mit irgendeiner belanglosen Popband zu tun zu haben, der irrt sich gewaltig, denn ...BUT ALIVE sind so melancholisch, zynisch und angriffslustig wie eh und je. Heute gehen sie z.B. in einem etwas anderen musikalischen Gewandt auf Studentenparties ("Aus den Boxen: Guns'n Roses. Und ob du lachst oder weinst: Gleich gibt's Simple Minds"), betrachten dort die Leute, um dabei zu folgender Einsicht zu gelangen: "Klar kannst Du Dich mal melden, halt nur nicht bei mir". Auf dieser Platte bekommt eigentlich fast jeder sein Fett weg, egal ob sich um typische Studenten, Spießer, Fußballer, Musikkritiker oder trendbewußte Jugendliche handelt. Und um eine letzte mögliche Befürchtung aus der Welt zu räumen: Nein, mit der sogenannten "Hamburger Schule" hat "Hallo Endorphin" nicht viel zu tun - niemand braucht zu befürchten, hier auf langweilige, nichtssagende und vor sich hin wimmernde TOCOTRONIC-Milchbubis zu treffen. BUT ALIVE haben einen mutigen Schritt vorwärts getan, aber die letzten Worte überlassen wir den Künstlern selbst: "Meinst Du es wirklich ehrlich oder tust du nur als ob? Ich tu nur so als ob, aber das mein’ ich ehrlich." Alles ist relativ! OÄ (45:06) *****



Chamberlain: The Moon My Saddle (Doghouse/Green Hell)

Gäbe es in der Musikwelt so etwas wie Gerechtigkeit, dann würde dieses amerikanische Quintett aus dem mittleren Westen so große Hallen wie PEARL JAM und MATCHBOX 20 füllen, massig Interviews geben und sich längst in den oberen Regionen der Charts aufhalten. Doch der Reihe nach: "The Moon My Saddle" ist bereits das dritte Album einer außergewöhnlichen Band, die die beiden vorherigen Longplayer ("For The Love Of The Wounded" und "Fate’s Got A Driver") noch unter dem Namen SPLIT LIP veröffentlichte. Damals verschrieb man sich noch dem Emocore, aber nach einer knapp dreijährigen Auszeit und zwei Besetzungswechseln wurde im Rahmen des musikalischen und menschlichen Weiterentwicklungsprozesses nicht nur der alte Bandname über Bord geworfen. Dort, wo früher vorwiegend verzerrte Gitarrenbreitseiten dominierten, ist heute genügend Raum für ruhige, fast schon mainstreamartige Passagen, die gelegentlich an Altmeister wie NEIL YOUNG und JOHN COUGAR MELLENCAMP erinnern. Andererseits schimmern an vielen Ecken aber immer noch Alternative-Helden wie PEARL JAM und BUFFALO TOM durch, so daß dieses Werk in seiner Vielfältigkeit eine breite Masse von Rockfans ansprechen könnte. Denn CHAMBERLAIN besitzen die seltene Gabe, in ihren von Naturmetaphern durchsetzten Texten, die nicht selten an feinfühlige Gedichte erinnern, bestimmte Stimmungen und Gefühle präzise und authentisch einzufangen. So entsteht eine gänsehauterzeugende Gratwanderung zwischen tiefer Melancholie und zartem, hoffnungsvollem Optimismus, ein Dualismus, der durch eingängige, hymnisch arrangierte Rocksongs geschickt in Szene gesetzt wird. Eine nicht nur bei Mondschein und Schlaflosigkeit genießbare Platte, die trotz des Wechselbads der Gefühle eine ungeheure Ruhe, Geschlossenheit und Schlichtheit ausstrahlt. Balsam für die Seele! OÄ (51:16) *****



De Heideroosjes: Schizo CD (Epitaph/Connected)

Schizo Kaum ein paar Monate sind seit dem Epitaph-Debüt "Smile...You're Dying!" vergangen, da steht mit "Schizo" schon das nächste, insgesamt sechste Album der vier Niederländer in den Regalen. Doch im Gegensatz zum Vorgänger handelte es sich hierbei um brandneue Kompositionen, da auf dem letztjährigen Epitaph-Debüt lediglich die besten Songs der ersten vier Alben zusammengefasst und neu eingespielt wurden. Das neue Material gehört wahrscheinlich zum besten, was die HEIDEROOSJES (wird übrigens "Duh-Hi-Duh-Rose-Yuh's" ausgesprochen) bisher ausgebrütet haben. Im Gegensatz zu vielen anderen Epitaph-Kapellen zeichnet sich "Schizo" nämlich durch verhältnismäßig großen Abwechslungsreichtum aus. Hier schallt sehr spritziger, rotziger und variantenreicher Punkrock der alten Schule aus den Boxen, der sich durch ideenreiche Arrangements und viele Tempowechsel auszeichnet. Hinzu gesellen sich ziemlich direkte, zeitkritische und intelligente Texte, die sich hervorragend ins Gesamtbild einfügen. Eine glaubwürdige und sympathische Platte, die auch nach vielen Hördurchgängen kaum Abnutzungserscheinungen zeigt und somit locker fünf Sterne wert ist! OÄ (42:09) *****



Dehumanized: Problems First CD (New Red Archives)

Ehrlich gesagt fällt mir nicht besonders viel zu dieser jungen Band aus New Jersey ein, was wohl daran liegt, daß von diesem Debutalbum auf New Red Archives nur wenig bei mir hängengeblieben ist. Was die vier Jungs auf "Problems First" abliefern, läßt sich noch am ehesten als schneller, politischer Punkrock mit einem leichten HC-Einschlag" bezeichnen, wie er bevorzugt Mitte der 80er Jahre gespielt wurde. Eigentlich sollte man ja dankbar sein, daß sich nicht die tausendste junge Band dem melodischen Punkrock kalifornischer Machart verschreibt, weil es diese Klon-Bands ja mittlerweile wie Sand am Meer gibt. Insofern verfolgen DEHUMANIZED auf jeden Fall einen lobenswerten Ansatz, aber mit der musikalischen Umsetzung hapert es meiner Meinung nach noch etwas. Für mich haben die meisten der insgesamt 14 Stücke einen zu geringen Wiedererkennungswert, was zur Folge hat, daß von "Problems First" auch auf Dauer zu wenig im Gedächtnis haften bleibt. Nicht schlecht, aber auch nicht wirklich gut. OÄ (49:06) ***



Diesel Boy: Sofa King Cool CD (Honest Don’s/SPV)

Sofa King Cool Wieder eine jener Scheiben, bei der man nicht richtig weiß, was man eigentlich dazu schreiben soll, weil hier wieder einmal das Prädikat "höchst durchschnittlich" zutrifft. Was die vier Couch-Potatos auf ihren dritten Longplayer abliefern ist grundsolide Melodycore-Hausmannskost kalifornischer Machart, die kaum jemanden aus dem Sessel reißen dürfte. Echte Highlights sucht man aus "Sofa King Cool" nämlich vergeblich, obwohl sich die Jungs bemühen, ihren Sound (z.B. durch die Verwendung einer Geige in "Scheherazade") abwechslungsreich zu gestalten, was allerdings als gescheiterter Versuch anzusehen ist. Denn selbst nach dem zehnten Hördurchgang ist bei mir kaum etwas von dieser Platte hängengeblieben. Nein, das ist kein Turbo-Diesel, sondern nur ein stinknormaler Diesel! Vielleicht sollten die Jungs in Zukunft auf Rapsöl umsteigen... OÄ (34:11) ***



Dogpiss: Eine Kleine Pünkmusik CD (Honest Don's/SPV)

Nein, bei DOGPISS handelt es sich um keine deutsche Formation, wie es der Titel dieses Werkes vielleicht vermuten ließe. DOGPISS kommen aus England, wobei es mir rätselhaft ist, wie die Jungs auf einen deutschen Titel für ihr Erstwerk gekommen sind. Ist ja auch egal, viel wichtiger sind die an diesem Projekt beteiligten Musiker. Kleines Namedropping gefällig? Hier sind Duncan und The Mod von SNUFF mit von der Partie! Und außerdem auch noch Jools von GUNS'N'WANKERS. Und tatsächlich: Manche der 13 Stücke erinnern teilweise wirklich an SNUFF, was als dickes Kompliment gemeint ist, schließlich zählen SNUFF zu den wenigen wirklich guten britischen Bands mit Kultcharakter. Für eine melodische Punkband verwenden DOGPISS übrigens ungewöhnlich scharfe und metallisch klingende Gitarren, was dem Album eine ganz eigene Note verleiht. Und mit "Mad Dog" ist ihnen ohnehin ein richtiger kleiner Überhit gelungen, der ganz und gar nicht nach Hundepisse stinkt! OÄ (34:37) ****



Else Admire & Breitengüssbach Dolls: The Worst Of The Very Best Of CD (TUG/Indigo)

Endlich mal wieder etwas für die Amateur-Gallerie aus der Metzgermeistermetropole Breitengüssbach. Seit zehn Jahren treibt dort und im Umland ein gelernter Metzgermeister samt Begleitband sein Unwesen, weshalb es zum zehnjährigen Jubiläum ein Best Of-Album aus diversen Singles und Samplerbeiträgen gibt. Wurde aber auch wirklich Zeit, diesen zu "Musik" gewordenen Rinderwahnsinn im ultradumpfen Proberaumsound der blutrünstigen breite Masse zugänglich zu machen. ELSE ADMIRE feiern Orgien des schlechten Geschmacks und reichern ihren Bierschinken-Punk mit filigraner Leberkäs-Lyrik über Liebe, Sex und Fleisch an. Ob das der richtige Nährboden für große Schwänze ist (O-Ton: "Wir haben alle große Schwänze"), oder ob man die Mini-Salami des Meisters mit der Lupe suchen muß, ist eher zweitrangig, schließlich lebt dieses Künstlerkollektiv vom hemmungslosen Hang zur Übertreibung auf allen Ebenen. Auch wenn manche Leute diese Bad Taste-Attacken ("Scum-Punk meets Trash-Rock'n'Roll") für unterhaltsam und extrem kultig halten, mir zieht es hier echt die Schuhe aus, auch wenn ich alle meine Humorreserven aktiviere. Live mag das bei einem entsprechenden Alkoholpegel vielleicht ja noch ganz witzig sein, auf Konserve kann man sich das aber wirklich schenken. Wo war doch gleich noch der Schlachthof? OÄ (67:15) **



59 Times The Pain: End Of The Millennium CD (Burning Heart/Connected)

Über zwei Jahre haben wir auf den Nachfolger von "Twenty Percent Of My Hand" warten müssen, doch die Wartezeit hat sich gelohnt. Das schwedische HC-Quartett ist kurz vor der Jahrtausendwende erwachsener, aber nicht langweiliger geworden, was sich darin äüßert, daß man auf "End Of The Millennium" den bisherigen, etwas monotonen New York Hardcore-Horizont erweitert. Getreu dem Motto "Back To The Roots" fließen nun auch Punk- und leichte Oi-Elemente in den nach wie vor sehr aggressiven Gesamtsound ein, was den neuen Longplayer zum bisher abwechslungsreichsten Werk in der Bandgeschichte von 59TTP macht. Das nahende Jahr 2000 verleitet die Jungs übrigens nicht zu platten Weltuntergangsprophezeiungen, die Message von 59TTP ist positiver und hoffnungsvoller als je zuvor, auch wenn der Albumtitel vielleicht anderes vermuten läßt. Zwar nicht ganz so innovativ wie die letzten Alben von den Landsmännern THE REFUSED und ABHINANDA, aber dennoch sehr empfehlenswert, man höre sich bloß solche Killertracks wie "Need No Alibi" oder "Got It All In Sight" an. OÄ (27:37) ****



Farside: The Monroe Doctrine (Revelation/Zomba)

The Monroe Doctrine Fünf Jahre sind eine verdammt lange Zeitspanne, in der manche Bands locker drei Alben auf den Markt bringen. Wenn man sich hingegen nach einer halben Dekade Wartezeit "The Monroe Doctrine" in aller Ruhe zu Gemüte führt, wird einem bewußt, daß alte Binsenweiseheiten wie "Gut Ding will Weile haben" immer noch ihre Gültigkeit besitzen. Und auch wenn es vielleicht abgedroschen klingt: Das Warten hat sich gelohnt! Denn was die vier Kalifornier auf ihrem insgesamt dritten Album abliefern, hat mit unpersönlichem und leichtverdaulichem Hitparadenfutter aus der Tiefkühltruhe rein gar nichts zu tun. Stattdessen kochen FARSIDE genüßlich ihr eigenes Süppchen aus so erlesenen Zutaten wie Post-Punk, Noise-Pop und Indie-Rock, abgeschmeckt mit einer feinen Prise bittersüßer Emo-Balladen, daß einem das Wasser im Mund zusammenläuft. Und so wie ein feines Menu von Gang zu Gang neugierig auf mehr macht, wächst von Hörchdurchgang zu Hördurchgang auch die Lust auf diese opulente Werk, das vor allem durch seine unterschiedlichen Stimmungslagen überzeugen kann. Ihre pikantesten Momente erreichen Farside bei etwas langsameren Stücken wie "I Hope You’re Unhappy" oder der wunderschönen Coverversion von Graham Parker's "Blue Highway", die hier als Appetitanreger bzw. Anspieltips genannt seien. Welcher Gourmet braucht schon Fast-Food? OÄ (50:17) *****



Fireside: Hello Kids DoCD (Stickman/Indigo)

Wie bereits im FIRESIDE-Interview im letzten OX angekündigt, ist seit Anfang dieses Jahres das "Hello Kids"-Doppelalbum der vier Schweden nun auch in Deutschland über Stickman Records erhältlich. CD 1 beinhaltet ein paar unveröffentlichte Aufnahmen und vor allem zahlreiche rare B-Seiten, die bisher nur sehr schwer zu bekommen waren, was sich dank "Hello Kids" glücklicherweise grundlegend ändert. Denn ist es ist unbedingt anzumerken, daß es sich hierbei um keine typisch mittelmäßigen oder schlechten B-Seiten handelt, sondern größtenteils um Stücke, auf die meisten anderen Emorockbands neidisch sein dürften und froh wären, solche Perlen wie z.B. den Opener "Beautiful Island, Ugly Natives" auf ihren regulären Alben veröffentlichen zu können. CD 2 hat darüber hinaus noch neun überwiegend gelungene Coverversionen von Bands wie z.B. TELEVISION, SONIC YOUTH, DINOSAUR JR. oder HÜSKER DÜ zu bieten, was das Hörvergnügen auf insgesamt über 100 Minuten anwachsen läßt. Hinzu kommt noch ein megafettes Booklet mit vielen witzigen Fotos, Zitaten und Anmerkungen, so daß hier das Prädikat "Value For Money" wirklich angebracht ist. Ein toller musikalischer Querschnitt durch das bisherige Schaffen der Band von ihren Anfängen bis zum heutigen Status Quo. OÄ (107:07) ****



Frenzal Rhomb: A Man's Not A Camel CD (Fat Wreck/SPV)

A Man's Not A Camel In ihrer Heimat Australien sind die vier Chaoten von FRENZAL RHOMB mittlerweile fast schon Stars, die mit dem letzten Album "Meet The Family" sogar Gold-Status erringen konnten. Für das nun erscheinende vierte Album hat sich Fat Mike von Fat Wreck Chords die weltweiten Rechte gesichert, nachdem vor einigen Jahren schon die "4 Litres"-Single über sein Label veröffentlicht wurde. Wie gewohnt verbreiten die trinkfesten Bierliebhaber aus Sydney auch auf "A Man's Not A Camel" gute Laune mit ihren partykompatiblen Pop-Punk, wobei besonders die erste Single "We're Going Out Tonight" hervorzuheben ist. Aber auch Stücke wie "I Don't Need Your Loving", "Self Destructor" oder das ziemlich langsame "I Miss My Lung" verfügen über Ohrwurmpotential, so daß auch der neue FRENZAL RHOMB-Output als durchaus gelungen eingestuft werden kann, auch wenn mir die ersten beiden Platten ("Coughing Up A Storm" und "Not So Tough Now") eine Spur besser gefielen. OÄ (44:07) ****



Garrison: The Bend Before The Break CD (Revelation/Zomba)

Und noch eine feine Emo-Scheibe aus dem Hause Revelation Records, auch wenn dieses Quartett aus Boston noch nicht ganz die Klasse von Labelmates wie GAMEFACE, FARSIDE, ELLIOT oder KILL HOLIDAY erreicht. Die fünf Stücke dieser MCD benötigen viel Zeit, um sich in die Gehörgänge zu fräsen, was dem Hörer eine gewisse Portion Geduld abverlangt. Doch im Laufe der Zeit entpuppt sich dann das wahre Potential von Stücken wie "Serious Heavy Drama" oder "Harlow", die für mich auch die beiden Höhepunkte dieses Silberlings darstellen. Die anderen drei Songs wirken hingegen phasenweise noch etwas zu zerfasert und uneinheitlich, was den positiven Gesamteindruck ein wenig schmälert. Aber vier Sterne ist "The Bend Before The Break" trotzdem immer noch wert, weil (zumindest bei mir) der Appetit auf einen GARRISON-Longplayer angeregt wurde. OÄ (20:16) ****



The Get Up Kids: Something To Write Home About CD (Heroes And Villains Rec./Vagrant)

Nach der vorzüglichen, als Appetithappen auf das neue Album gedachten "Red Letter Day" 10"/MCD folgt nun also endlich der zweite Longplayer der genialen GET UP KIDS, wobei die Vinylversion auch wieder auf Doghouse Records erscheint. Die CD hingegen wird über das eigene, neu gegründete Label "Heroes And Villains Records" vertrieben, wozu noch ein zusätzlicher Kooperationsdeal mit Vagrant Records ausgehandelt wurde. Doch nun von den harten Fakten zu der eher weichen musikalischen Schokoladenseite der GET UP KIDS, deren Zahl übrigens durch die Verpflichtung von James Dewees (COALESCE) an den Keyboards auf fünf angewachsen ist. Etwas poppiger und ruhiger sind sie seit dem 97er Debutalbum "Four Minute Mile" geworden, was der Qualität ihrer Musik allerdings keinen Abbruch tut, sondern nur die immer schon vorhandene poppige Seite der Mannen aus Missouri etwas stärker hervorhebt. Bei "Something To Write Home About" handelt es sich also immer noch um schönen, melancholischen Mid-West-Emopop mit Collegerock-Einschlag. Eine starke und abwechslungsreiche Platte, die zum Herbstanfang genau richtig kommt. OÄ (45:32) *****



H20: F.T.T.W. CD (Epitaph/Connected)

"Finally Taste The Water", so heißt das neue, insgesamt dritte Album der fünf New Yorker Wasserköpfe, die sich unter der Regie von Brett Gurewitz ins Studio begaben. Großartige Veränderungen waren (nicht nur wegen der Wahl des Producers) gegenüber dem Vorgängeralbum und Epitaph-Debüt "Thicker Than Water" (schon wieder Wasser!) ohnehin kaum zu erwarten. Und so bietet "F.T.T.W." erwartungsgemäß schnellen, relativ abwechslungsreichen und melodischen Hardcore, der durch die Bank dem Epitaph-Qualitätssiegel gerecht wird. Da bei H2O der typische Familiengedanke der HC-Szene schon immer groß geschrieben wurde, überrascht es nicht, daß es auch diesmal wieder einige prominente Gastauftritte (u.a. von Civ, Roger Miret und Tim Armstrong) gibt, die dieses Drittwerk als nette Randerscheinungen etwas aufpeppen. Und da auch erneut wieder einige H2O-typische Hits wie z.B. "Empty Pockets" oder "Guilt By Association" mit von der Partie sind, sind vier Sterne für diese Scheibe wirklich angemessen. OÄ (34:38) ****



The Hellacopters: Grande Rock CD (House Of Kicks/Zomba)

Grande Rock Nach dem ersten Hördurchgang war ich ehrlich gesagt ziemlich enttäuscht. "Irgendwas fehlt mir hier", dachte ich. Wo sind so hinreißend rasende Hymnen wie z.B. "Like No Other Man" oder "Where The Action Is" geblieben, die das letzte Album "Payin’ The Dues" zum Hochgenuss machten? Die Antwort auf diese Frage lautet: Die vier Schweden haben auf "Grande Rock" ihre punkigen Züge deutlich zurückgeschraubt und fröhnen statt dessen lieber vermehrt dem 70er-Jahre-Rock. Ab jetzt also mehr Rock'n'Roll als Punk'n'Roll. Immer noch sehr schmutzig und laut, aber nicht mehr ganz so schnell, überdreht und mitreißend wie früher. Aber die HELLACOPTERS treten trotzdem teilweise immer noch ganz gut Arsch, bloß eben etwas gezügelter, ja fast "zärtlicher". Als Anspieltips seien "Move Right Out Of Here", "Dogday Mornings" und die erste Single "The Devil Stole The Beat From The Lord" empfohlen, da diese drei Stücke recht repräsentativ für das ganze Album sind. Wächst hier langsam aber sicher ein ernst zu nehmender Konkurrent von MONSTER MAGNET heran? OÄ (38:03) ****



Hot Water Music: No Division CD (Some Rec./EFA)

No Division HOT WATER MUSIC-Fans haben in den letzten Monaten ganz schön tief in die Tasche greifen müssen - erst das "Live At The Hardback"-Album, dann das Splitalbum mit LEATHERFACE, und nun auch noch ein brandneues Studioalbum, das auf Walter Schreifels (QUICKSAND) Label Some Records erscheint, nachdem der letzte Longplayer ("Forever & Counting") 1997 noch auf Doghouse herauskam. Eben jener Mr. Schreifels hat auf "No Division" auch seine Hände als Produzent im Spiel, wodurch das insgesamt vierte Studioalbum des Quartetts aus Florida von Anfang an gar nicht in die Hosen gehen konnte. Die Post-Hardcore-Götter werden außerdem sowieso von Album zu Album besser, weshalb "No Division" wahrscheinlich das beste Material ist, was sie je aufgenommen haben. Und so befinden sich auf dieser Platte elf tolle Emocore-Perlen mit sehr schönen Texten. Doch mit der dem Emo-Genre oft unterstellten Weinerlichkeit hat das hier überhaupt nichts zu tun, dafür sorgt alleine schon der fett rockende Sound und das leicht heisere, unterschwellig melancholische Organ von dem Rauhkehlchen am Mikrophon, das auf meinem persönlichen Lieblingsstück "Driving Home" besonders herausragt. Ein grandioses, abwechslungsreiches und absolut eigenständiges Werk! OÄ (34:56) *****



Kill Holiday: Somewhere Between The Wrong Is Right (Revelation/Zomba)

Somewhere Between The Wrong Is Right Wenn es sich bei KILL HOLIDAY um eine britische Band handeln würde, dann wären diese vier Jungs (zumindest auf der Insel) in aller Munde. Denn das in den letzten Zügen liegende Phänomen Britpop lechzt förmlich nach neuen, musikalisch eigenständigen Gesichtern. Doch Pustekuchen," Somewhere Between The Wrong Is Right" wurde im Land der unbegrenzten Möglichkeiten eingespielt, genauer gesagt in San Diego. Und jetzt kommt der Hammer: Hier sind ehemalige Mitgliedern der fast schon legendären New School-HC-Kapelle UNBROKEN am Werke, deren Musikgeschmack sich im Laufe der letzten Jahre offensichtlich stark verändert hat. Und da besitzen diese amerikanischen "Grünschnäbel" (zumindest was britische Musik angeht) doch tatsächlich auch noch die Frechheit, sich ungeniert aus dem reichhaltigen Fundus britischer Popmusik zu bedienen. Doch die Vorbilder heißen nicht OASIS oder BLUR, sondern THE SMITH, THE CURE, RIDE und PSYCHEDELIC FURS. Potentielle Single-Hits sucht man (mit Ausnahme von "Someday You Will Lose And I Will Win") auf diesem Debutalbum jedoch vergeblich, dafür fräsen sich die meisten der zehn Stücke ein wenig zu langsam in die Gehörgänge, was angesichts der durchschnittlichen Songlänge von fast sechs Minuten nicht verwunderlich ist. Dafür wird man - genügend Geduld vorausgesetzt - auf lange Sicht um so reichlicher belohnt, da überlange Stücke wie "You're Taking It Well" oder "In Closing" ihre fast schon hypnotische Wirkung erst im Laufe der Zeit vollständig entfalten. Hier wird nicht krampfhaft mit der kommerziellen Brechstange hantiert, ganz im Gegenteil sogar, dem warmen, dichten Gitarrenteppich wird alle Zeit der Welt für seine unbehinderte Entwicklung eingeräumt. Der wolkenverhangene Himmel auf dem Cover, durch den nur ein paar schüchterne Sonnenstrahlen dringen, deutet die lyrische Ausrichtung dieses Werkes bereits an: Nach dunklen Gewitterwolken folgt auch irgendwann wieder Sonnenschein, vorausgesetzt man verarbeitet seine negativen Erfahrungen und Gefühle. "Somewhere Between The Wrong Is Right" ist eine gute Hilfestellung dabei. Nennt es sanften "Emocore" oder einfach nur "Pop", unter dem Strich bleibt auf jeden Fall ein außergewöhnliches Album! OÄ (56:48) *****



Kiss It Goodbye: Choke CD (Revelation/Zomba)

Als ich neulich nach einer extrem schmerzhaften Wurzelbehandlung vom Zahnarzt kam, fand ich diese CD in meinem Briefkasten. Zufall kann das kaum gewesen sein, schließlich kann ich mir keinen passenderen Soundtrack zu solch einer Tortur, bei der zu allem Überfluss auch noch die Betäubungsspritze nicht richtig wirkte, vorstellen. Denn die Musik von KISS IT GOODBYE kann auch höllisch schmerzen, wie die fünf schwer verdaubaren Brocken auf "Choke" beweisen, weshalb ich hier die Bezeichnung "Pain-Core" anbringen möchte. Diese ziemlich experimentelle und zähflüssige Mischung aus Hardcore, Metal und Noise windet sich wie der Bohrer vom Zahnarzt in dein Unterbewußtsein, wo nicht allzu schöne Dinge zum Vorschein gelangen. Verglichen mit dem grandiosen 97er Debutalbum "She Loves Me, She Loves Me Not..." hat sich der Sound der vier Amis kaum verändert, als kleine Einordnungshilfe seien an dieser Stelle die ehemaligen Bands dieser vier Rabauken genannt: DEADGUY, NO ESCAPE, RORSCHACH, AMBUSH und DIE 116. Leider haben sich auch KISS IT GOODBYE mittlerweile aufgelöst, so daß diese fünf Songs ihr allerletztes Lebenszeichen darstellen. Höre mit Schmerzen und kiss them goodbye... OÄ (21:15) *****



Me First & The Gimme Gimmes: Are A Drag CD (Fat Wreck/SPV)

Are A Drag Hier ist sie wieder, die Fat Wreck-All-Star-Group. Die Chaotentruppe um Fat Mike (NOFX, Fat Wreck-Oberhaupt), bei der außerdem noch Mitglieder von LAG WAGON, NO USE FOR A NAME und den SWINGING UTTERS mitspielen, verschreibt sich auf ihrem neuen Album "Are A Drag" der - und das ist kein Scherz - Broadway-Musik! Nachdem man sich auf dem Debütalbum "Have A Ball" noch mit einigen schrägen Coverversionen an den 70er Jahren versuchte, werden nun auf dem Nachfolger ausschließlich bekannte Broadway-Hits wie "Over The Rainbow", "Evita", "Phantom Of The Opera" oder "Cabaret" punkig verwurstet. Über den Sinn bzw. Unsinn eines solchen Vorhabens kann man sich natürlich streiten, letztendlich sollte jeder für sich selbst entscheiden, ob diese Idee originell ist. Mir machen die zwölf Tracks auf jeden Fall Spaß, auch wenn es sich dabei (nicht nur wegen der geringen Spielzeit von nur 26 Minuten) um ein recht kurzweiliges Vergnügen handelt, das sicherlich keinen Preis für herausragende musikalische Fähigkeiten gewinnen wird. Dafür aber immerhin vier Sterne im AbArt. OÄ (26:06) ****



Neurosis: Times Of Grace CD (Music For Nations/Zomba)

Times Of Grace Seit fast 13 Jahren verbreiten NEUROSIS mittlerweile ihre Symphonien des Schreckens - ein langer, schmerzvoller Weg vom ersten, noch sehr Hardcore-lastigen Album "Pain Of Mind" bis zum neuen Output "Times Of Grace". Seit dem letzten Werk "Through Silver In Blood" (1996) hat sich bei dem philosophisch-spirituellen Künstlerkollektiv aus San Francisco einiges verändert, das sich mit den Begriffen "Neues Label" (Music For Nations), "Neuer Produzent" (Steve Albini!) und "Neuer Sound" am besten auf den Punkt bringen läßt. Von künstlerischer Stagnation kann hier wirklich nicht die Rede sein, denn NEUROSIS haben das Stilmittel der Stille (wieder-)entdeckt. Durch das vermehrte Einstreuen (wie z.B. bei "Under The Surface") von ruhigen Passagen (die zum Teil mit eher exotischen Instrumenten wie Geige, Cello oder Trompete eingespielt wurden) entsteht mehr Raum und ein höherer Wirkungsgrad für die typisch emotionalen Gefühls- und Wutausbrüche des begnadeten Quintetts, das durch einige Gastmusiker ergänzt wird. Und so entsteht auf "Times Of Grace" ein intensiver Gefühlsstrudel aus lauten und leisen, traurigen und aufwühlenden Teilen, dem man sich kaum entziehen kann. Erspart mir bitte pauschale Kategorisierungsversuche wie "Metal", "Doom" oder "Hardcore", denn das würde dem einzigartigen NEUROSIS-Sound einfach nicht gerecht werden. NEUROSIS haben sich in ihrer langjährigen Laufbahn immer durch Nonkonformismus und Experimentierfreudigkeit ausgezeichnet, und nun mit dem apokalyptischen "Times Of Grace" vielleicht sogar den Höhepunkt ihrer ungewöhnlichen Karriere erreicht. OÄ (66:09) *****



The Nomads: Big Sound 2000 CD (White Jazz/Zomba)

Seit 1981 sind THE NOMADS aus der Nähe von Stockholm schon aktiv, weshalb das schwedische Quartett bereits auf insgesamt sechs Alben zurückblicken kann. Nach einer dreijährigen Pause erscheint in diesen Tagen mit "Big Sound 2000" pünktlich zur Jahrtausendwende ein neues Studioalbum. Trotz des in die Zukunft blickenden Titels wirken die Nomaden mit ihrem "Garagen-Punk" (der in meinen Ohren nicht zuletzt wegen der relativ sauberen Produktion gar nicht nach Garage klingt) recht antiquiert. Gut, vielleicht kann man sie ja tatsächlich als die Urväter von den BACKYARD BABIES & Co. bezeichnen, aber dieses Werk kann getrost als ziemlich durchschnittlich eingestuft werden. Der durch etwas Punk angereicherte Rock'n'Roll kommt mit seinem Hang zur Eintönigkeit über das unspektakuläre Mittelmaß einfach nicht hinaus, nur der Opener "Don’t Pull My Strings" und "The King Of Night Train" ragen positiv aus der Masse heraus. Nicht wirklich schlecht, aber andere Altherrencombos wie THE GENERATORS und SOCIAL DISTORTION können das meiner Meinung nach viel besser. OÄ (39:14) ***



Sick Of It All: Call To Arms CD (Fat Wreck/SPV)

Wer den Ausdruck New York City-Hardcore in den Mund nimmt, der denkt zumeist an SICK OF IT ALL, eine legendäre Band, die den Sound dieser Metropole seit Mitte der 80er Jahre maßgeblich geprägt hat. Nach dem mehr oder weniger unfreiwilligen Abgang vom Major Eastwest nach zwei Alben ("Scratch The Surface" 1994, "Built To Last" 1997) erscheint das fünfte Album nun auf dem weniger kommerziell orientierten Indie-Label Fat Wreck Chords, wo die Band sicherlich besser als bei Eastwest aufgehoben ist. Denn nach dem schlecht produzierten und etwas lieblos zusammengewürfelten "Built To Last"-Album haben die vier HC-Helden aus dem Big Apple mit "Call To Arms" zu ihrer alten Hochform zurückgefunden. Der gerade auf dem letzten Longplayer sehr starke Streetpunk-Einfluß wurde (bis auf den Titeltrack) deutlich zurückgeschraubt, so daß "Call To Arms" eher wieder an "Scratch The Surface"- und "Just Look Around"-Zeiten anknüpft. Dementsprechend findet man acht kurze Kracher vor, die durch ihre Reduktion auf das Wesentliche die Zweiminutengrenze nicht überschreiten. Aber auch viele der etwas längeren Stücke wie z.B. die erste Single "Potential For A Fall" oder "Hindsight" können auf ganzer Linie überzeugen, so daß unter dem Strich 15 intensive Eruptionen mit intelligenten Texten bleiben - was kann das Hardcore-Herz mehr verlangen? OÄ (33.05) *****



Teen Idols: Pucker Up! CD (Honest Don’s/SPV)

Pucker Up! Ein feines zweites Album servieren uns hier die TEEN IDOLS aus Nashville, von denen man seit ihrem selbstbetitelten 97er Debüt nicht mehr viel gehört hat. Geboten wird schneller, zuckersüßer Pop-Punk mit weiblichen Background-Vocals, wobei anzumerken ist, daß Bassistin Heather nicht nur ein Ohren-, sondern auch Augenschmaus ist, wie ein Blick ins Booklet sehr schnell klar macht. Auch ihre drei männlichen Mitstreiter im Lederjacken- und Pomadenfrisuren-Outfit tragen zum Gelingen von "Pucker Up" ihren nicht unwesentlichen Teil bei, so daß der Sommer nun endgültig kommen kann. Denn einen passenderen, unbeschwerteren Soundtrack für diese Jahreszeit kann man sich kaum Wünschen. Viel Spaß! OÄ (30:36) ****



Ten Foot Pole: Insider CD (Epitaph/Connected)

Tja, was soll man als (hüstel) "Insider" noch groß über Bands wie TEN FOOT POLE schreiben? Daß die Jungs bei Epitaph unter Vertrag sind und melodischen Punkrock spielen, dürfte hinlänglich bekannt sein. Nach "Rev" (1994) und "Unleashed" (1997) liegt nun mit "Insider" das dritte Album vor, das keine großen Überraschungen zu bieten hat. Routiniert spielen sich die vier Veteranen durch zwölf größtenteils sehr schnelle und melodische Stücke, die von Ryan Greene (u.a. NOFX, LAGWAGON) ziemlich fett produziert worden sind. Der grundsolide Epitaph-Qualitätslevel wird also locker erreicht, was nicht ganz zu vier Sternen reicht. Manchmal frage ich mich nur, wer überhaupt alle diese netten, melodischen Scheibchen, die kaum über den Durchschnitt hinauskommen, noch kaufen soll. Der Markt und die Konsumenten sind mittlerweile doch ein wenig übersättigt davon. Aber bitte, wer noch nichts von TEN FOOT POLE sein eigen nennen kann, der sollte hier ruhig mal ein Ohr riskieren. OÄ (33:33) ***



Turbonegro: Darkness Forever CD (Bitzcore/Indigo)

Darkness Forever Als sich unsere geliebten Pseudo-Homos aus Oslo letztes Jahr kurz vor Weihnachten auflösten, war die Trauer groß. Und das ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als TURBONEGRO alle Türen offen standen, sie locker tausend Leute pro Konzert anzogen und die Medien ununterbrochen über sie berichteten. Doch was soll's: "It's The Turbonegro Way", wie das Bandinfo zu diesem Thema anmerkt. Eine Reunion wird es übrigens (trotz anderslautenden Gerüchten) definitiv nicht geben, wahrscheinlich ist Sänger Hank mittlerweile sowieso schon endgültig in der Klapsmühle versauert. Glücklicherweise wurden von einigen der umfangreichen Touraktivitäten des Jahres '98 Mitschnitte gemacht, von denen es die Konzerte in Oslo und in Hamburg auf diese CD schafften. Und um es gleich vorwegzunehmen: "Darkness Forever" ist ein großartiges Live-Album, das die Livequalitäten von TURBONEGRO eindrucksvoll konserviert. Gleichzeitig kann man dieses feine Abschiedsgeschenk auch als Best Of-Album der Denim-Demons ansehen, wobei das Hauptaugenmerk auf die Song-Palette vom letzten Album "Apocalypse Dudes" gerichtet wurde. Doch keine Angst: Auch der absolute TURBONEGRO-Klassiker "I Got Erection" ist hierauf vertreten. Eine rundum gelungene Sache also, die nicht nur für eingefleischte Fans interessant sein dürfte. Und nun (schnüff) ist der letzte Vorhang endgültig gefallen, und es herrscht "Darkness Forever"! Meine Damen und Herren, verneigen wir uns noch ein allerletztes Mal vor dieser außergewöhnlichen Band, die ihren Platz im Rock'n-Roll-Olymp schon längst sicher hat! OÄ (55:56) *****



Turmoil: The Process Of CD (Kingfisher/SPV)

Eine der besten New School HC-Bands der Gegenwart meldet sich endlich mit ihrem zweiten Album "The Process Of" zurück. Seit dem 96er Debütalbum "From Bleeding Hands" ist eine ganze Menge Zeit vergangen, die das Quintett aus Pennsylvania jedoch sinnvoll genutzt hat, wie der neue Longplayer eindrucksvoll beweist. In dieser Zeitspanne muß sich bei den Jungs jede Menge Wut und Verzweiflung angestaut haben, die sich auf diesem Tonträger punktgenau und bretthart entlädt. Die zwölf vertrackten Stücke, in die unüberhörbare Noise- und Metalelemente homogen integriert wurden, strotzen nur so vor Kraft und Dynamik. Dabei bemühen sich TURMOIL stets erfolgreich um eine gewisse Portion Abwechslungsreichtum. Von tempomäßig gedrosselten Ausflügen wie "Impending Doom Theory" bis hin zu schnellen, brutalen Wutbolzen wie "Killing Today For A Better Tomorrow" ist auf "The Process Of" eigentlich alles enthalten, was Freunde der härteren Gangart glücklich macht. Und da diesmal auch produktionstechnisch alles im Lot ist (das Debüt war meiner Meinung nach noch etwas zu rauh und dumpf produziert worden), ist TURMOIL hiermit sicherlich ein großer Wurf gelungen, der sich vor Bands wie SNAPCASE, NEUROSIS oder BREACH nicht zu verstecken braucht. Beeindruckend! OÄ (35:45) *****



V.A.: Incompatible 2 CD (Victory/Connected)

Eine Compilation der etwas anderen Art präsentieren uns Victory Records, da sich auf diesem "Incompatible 2" betitelten Sampler nicht nur 17 Songs aus dem amerikanischen Punk- und Hardcorebereich befinden, sondern auch noch ein zusätzliches CD-Rom-Zine (für Mac und PC) mitgeliefert wird. Hierauf befinden sich jede Menge Interviews mit den beteiligten Bands, sowie viele Live-Videos, Fotos und Kolumnen, in denen nicht ganz unbekannte Leute wie z.B. Rob Fish oder Dan O'Mahoney zu Wort kommen. Das ganze ist wirklich schön und liebevoll aufgemacht, so daß nicht nur die Ohren, sondern auch die Augen auf ihre Kosten kommen. Ein Wort noch zu den vertretenen Bands: Mit von der Partie sind u.a. ANN BERETTA, DEATH BY STEREO, GAMEFACE, GREY AREA, H2O, THE JUDAS FACTOR und SAVES THE DAY. Außerdem gibt es hier schon einen kleinen Vorgeschmack auf das neue Album von ANGER MEANS, der neuen Band von Rick STRIFE. Feine Sache! OÄ (38:44) ****



V.A.: Short Music For Short People CD (Fat Wreck/SPV)

Über ein Jahr hat es gedauert, bis Fat Mike alle 101 (!) Beiträge für diesen Sampler zusammen gesammelt hatte, auf dem kein Song über 30 Sekunden lang ist. Von den über hundert vertretenen Liedchen wurden 90 extra und exklusiv für diesen außergewöhnlichen Sampler eingespielt, eine Tatsache, die alleine schon die Anschaffung rechtfertigt. Hier ist alles, wirklich alles vertreten, was modernen Punkrock heutzutage ausmacht, von A wie ALL oder AVAIL, über B wie BAD RELIGION, bis hin zu SAMIAM ("Long Enough To Forget You" ist Gott!), UNWRITTEN LAW und WHITE FLAG. Es macht wirklich riesigen Spaß, sich diese CD reinzuziehen, wenngleich man sehr schnell den Überblick und die Orientierung verlieren kann. Denn sobald man nachgeschaut hat, welche Band man im Moment eigentlich hört, ist das betreffende Stück schon längst wieder vorbei. Ausnahmsweise kann ich mich mal hundertprozentig den Worten der Plattenfirma anschließen: "Every person on the planet Earth who likes punk rock will buy this compilation". Wer es nicht tut, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen! OÄ (50:16) *****



Wat Tyler: The Fat Of The Band CD (Rugger Bugger Discs/Cargo)

The Fat Of The Band Das englische Comedy-Punk-Trio WAT TYLER verarscht gerne Musikerkollegen wie z.B. die unerträgliche Heulboje MICHAEL BOLTON ("Michael Bolton’s Hair") oder die herzigen SPICE GIRLS. Das meiste Fett kriegen aber diesmal THE PRODIGY ab, wie der Albumtitel "The Fat Of The Band" schon erahnen läßt. Das Artwork der gesamten CD ist fast (bis auf einen klitzekeinen Unterschied) identisch mit der Aufmachung des aktuellen PRODIGY-Albums "The Fat Of The Land", was unsere drei nicht mehr ganz so jungen Chaoten im Infoblatt mit dem ironischen Satz "Maybe someone will by it by mistake" kommentieren. Die Jungs haben echt Humor, in ihren Texten werden zahlreiche Prominente schonungslos durch den Kakao gezogen, so daß es einfach Spaß macht ihnen zuzuhören, obwohl die musikalische Umsetzung eher mittelmäßig ausgefallen ist. Oft bewegt man sich im Midtempo-Bereich, gibt gelegentlich auch ordentlich Gas, und streut sogar ein paar Stücke auf der Akustikgitarre ein. Dennoch will der zündende Funke nicht immer auf den Hörer überspringen, aber was soll's, besser als die tausendste belanglose Melodycore-Scheibe ist das hier allemal. Und vor allem witzig und geistreich, weshalb es auch vier Sterne gibt. OÄ (35:59) ****

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